Zur Geschichte der Neunkircher Jakobskerwe
"Vor undenklichen Zeiten" bereits ein Jahrmarkt am Jakobstag
Kirchweihfest in der Potzberggemeinde gehört zu den bekanntesten im Landkreis Kusel

Wie in jedem Jahr am Wochenende nach Jakobi, so feiert auch dieses Jahr wieder Neunkirchen am Potzberg seine traditionelle Jakobskerwe. 1538 war Neunkirchen Filiale der alten Pfarrei Theisbergstegen. Von der Visitation des Oberamtes Lichtenberg im Jahre 1558 wissen wir, dass Gläubige zum "sanct Ciriaci bildnuß" in die Wallfahrtskirche zu Neunkirchen pilgerten. Wahrscheinlich konnten diese durch die Verehrung des Heiligen einen Ablass gewinnen. Der heilige Cyriakus war wohl der Patron der Filialkirche Neunkirchen. Die Visitatoren gaben den Amtsleuten den Befehl, das Bildnis des Heiligen zu entfernen. Zum Festtag des Heiligen, den 8. August, fand Markt in Neunkirchen statt.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Markt auf Cyriakus durch den auf des "st. Jakobi tag" am 28. Juli ersetzt, an dem die Krämer "des nachmittags nach der kirchen" ihre Waren anboten. Warum der Markt auf das Fest Jakobus des Älteren verlegt wurde, ließ sich nicht ermitteln. Eine Erinnerung an den ehemaligen Kirchenpatron Cyriakus hat sich in Neunkirchen nicht erhalten.

Weitere sichere Informationen über diesen Markt erhalten wir aus einem Brief der Mairie (Bürgermeisteramt) Neunkirchen an die Präfektur in Kaiserslautern vom 22. August 18o1. Neunkirchen gehörte bereits seit 1793 zum französischen Staatsgebiet und war dem Kanton Wolfstein, Arrondissement Kaiserslautern und Departement Donnersberg einverleibt. Nach diesem Schreiben gab es vor "undenklichen Zeiten" einen Jahrmarkt am Jakobstag (28. Juli). Die französische Verwaltung ließ diesen Markt wieder auf den gleichen Tag zu. Da der Termin jedoch etwas ungünstig in der Erntezeit lag und deshalb mit einem schlechten Besuch zu rechnen war, bat die Gemeinde, den Markt auf den Sonntag zu verlegen und außerdem das Jahr über verschiedene Viehmärkte für die Handelsleute zu gestatten. Daraus versprach man sich die gleichen Vorteile, wie sie den Gemeinden Quirnbach und Glan-Münchweiler mit den Viehmärkten geboten waren.

Sowohl die französische als auch später die bayerische Verwaltung waren in der Bewilligung von Krämer- und Viehmärkten in der Regel sehr großzügig, da diese das Wirtschaftsleben förderten und man nicht auf sie verzichten konnte. Gerade während der französischen Herrschaft und zu Beginn der Übernahme der Pfalz durch Bayern im Jahre 1816 erreichte das Marktwesen seinen Höhepunkt.

Viehmarkt abgelehnt

Eine große Zahl von Zuhörern verfolgt 1930 die Straußrede am Gasthaus Christmann
Eine große Zahl von Zuhörern verfolgt 1930
die Straußrede am Gasthaus Christmann
In Neunkirchen scheint es jedoch bei dem Krämermarkt geblieben zu sein, weil die bayerische Verwaltung am 21. Oktober 1816 nur den Jahrmarkt am Jakobstag erlaubte. Fiel dieser Tag nicht auf einen Sonntag, so sollte der Markt, wie es seit Jahren üblich gewesen war, am darauffolgenden Sonntag gehalten werden. Die Einrichtung von Viehmärkten wurde jedoch abgelehnt. Aus mündlicher Überlieferung ist bekannt, dass in späterer Zeit einige Male Viehmarkt abgehalten wurde, der jedoch wegen schlechten Besuchs der Viehhändler wieder eingestellt wurde.

Da die Katholiken das Recht der Mitbenutzung der lutherischen Kirche verloren hatten, bekamen sie als Entschädigung das Recht, am Kirchweihsonntag eine Messe darin zu halten. Heute feiern Katholiken und Protestanten diesen Gottesdienst gemeinsam.
Überliefert ist, das der Krämermarkt 1827 zu einem Kirchweihfest geworden ist, das eifrig aus der Nachbarschaft besucht wurde, jedoch keine Handelsleute von weit her anlockte. Da die heutige Unionskirche damals in einem "zerrütteten Zustand" war und 1824/25 (sechs Jahre nach der Kirchenunion) zum Teil abgerissen, umgebaut und erweitert wurde, ist anzunehmen, dass diese am Markttag 1827 eingeweiht wurde.

Emil Drumm aus Neunkirchen berichtet, wie die Kirchweihe in Neunkirchen vor dem Ersten Weltkrieg ausgesehen hatte. Bereits zwei bis drei Wochen vor dem Fest kamen aus Ramstein zwei Zinngießer, die ihre Werkstatt an der Kirchenmauer unter der Linde aufschlugen und von Haus zu Haus ihre Waren anboten. Donnerstags vor dem Fest kam der Reitschulenbesitzer Haas aus Ramstein mit drei von Pferden gezogenen Wagen, auf denen die Reitschule, Schießbude und Lukas verpackt waren. Am Samstagmorgen schlugen die Familie Scherer aus Kaiserslautern und eine weitere Familie aus Steinwenden ihre Stände im Hofe des Pfarrhauses und unter der Linde auf. Beide Familien verkauften Gebrauchsgegenstände jeglicher Art und Spielsachen.

Am Samstagmorgen backten die Hausfrauen den Kerwekuchen (Zucker?, Obst?, Käse?, Kranz? und Bundkuchen) in einem großen, aus Lehm und Ziegelsteinen gebauten Ofen, der außen an der Küche angebaut war und den es damals in fast jedem Haus gab. In einen solchen Backofen gingen acht bis zehn Kuchen oder auch zwölf bis 14 Brote hinein.

Auch der Reichenbacher Metzger kam mit einem Pferdefuhrwerk, um das "Kerwefleesch" in einer Scheune zu verkaufen. Ein Pfund Rindfleisch kostete 8o Pfennig, Schweinefleisch 70 Pfennig, Kotelett 7o, Blut? und Leberwurst 66 und Schwartenmagen 6o Pfennig. Am Sonntagmorgen kamen die Krämer mit Pferdefuhrwagen und Handwagen an und schlugen bis 1o Uhr ihre Stände auf beiden Seiten des Weges von der Wirtschaft bis in den Hof von Schaumlöffels auf. So standen zum Beispiel gegenüber der Kirche immer der Kappenmacher "Schucke Lui" von Jettenbach und ein Fotograf. Es ist mündlich überliefert, dass in früheren Jahren die Stände den Weg entlang bis zur Abzweigung der Straße nach Gimsbach standen.

Die Straußbuben des Jahres 1930 in 'Pächters Hof'.
Die Straußbuben des Jahres 1930 in 'Pächters Hof'.
Am Sonntagmorgen wurden zwei Gottesdienste gehalten: um 9 Uhr für die Protestanten und um 10 Uhr für die Katholiken. Gegen Mittag kamen Verwandte und Gäste. In den Stuben wurde lebhaft erzählt. Autos gab es noch nicht, Fahrräder waren selten und manche Gäste waren zu Fuß von weit her gekommen. Am Nachmittag hatte die Reitschule geöffnet. Diese war mit aus Holz geschnitzten Pferdchen bestückt. Ein echtes Pferd setzte sie in Bewegung und eine Drehorgel wurde mit der Hand gedreht.





Emil Drumm berichtet, dass er damals in der Regel 20 Pfennig "Kerwegeld" von jedem Gast bekam. Für 20 Pfennig konnte man achtmal Reitschule fahren. Am Nachmittag machte die Bevölkerung aus der nahen und weiteren Umgebung ihre Einkäufe auf dem Markt. Der Ort war voller Menschen und die drei Gastwirtschaften, die es vor und nach 1900 in Neunkirchen gab ? Gastwirtschaft Christmann (heute "Erdfeder"), Gastwirtschaft Rübel (heute "Zum Potzberg") und eine Gastwirtschaft in "Pächters" ? konnten die Menschen nicht fassen.

Nach 14 Uhr zogen die Straußbuben durch den Ort, steckten ihre Kerwesträuße an zwei Gastwirtschaften und schilderten in der "Kerweredd" in humorvoller Weise, was über das Jahr so im Ort geschehen war. Nach dem Nachmittagskaffee wurde noch etwas geplaudert und die auswärtigen Gäste nahmen Abschied und bekamen Kuchen mit für die Angehörigen.

Die Kirchweihe 1914 war am 26./27. Juli. Die Stimmung der Bevölkerung war recht gedrückt, da der Kriegsausbruch befürchtet wurde. So erzählte Emil Drumm, dass ein Soldat aus Wahnwegen auf der Kerwe war. Er bekam abends von seiner Kompanie ein Telegramm "Sofort einrücken!" Sein Vater kam nachts mit einer Stalllaterne aus Wahnwegen zu Fuß und holte seinen Sohn. Am 31. Juli wurde von Kaiser Wilhelm II. der Kriegszustand erklärt. Während des Ersten Weltkrieges fand keine Kirchweihe statt.

Am 1. August 1927, Kerwemontag, wütete ein schweres Gewitter. Ein Sturm fegte die Kerwestände um und die Wassermassen schwemmten sie fort. Am anderen Morgen suchten die Kinder unten im Ort "Am Lindchen" Geld und Zuckerwaren. Schon sehr oft wurden die Neunkircher von solch heftigen Unwettern in der Kerwezeit überrascht. Auch während des Zweiten Weltkrieges fand keine Kerwe in Neunkirchen statt.

Höhepunkt des Dorflebens

Die Kerwe war früher der Jahreshöhepunkt des Dorflebens. Junge und Ältere freuten sich gleichermaßen auf dieses Fest und schon Wochen vorher wurde der "Kerweputz" gemacht und neue Kleider beschafft. Die Bauern fuhren möglichst früh ihre Ernte ein, um bis zur Kerwe fertig zu sein. Kerweeröffnung war am Sonntagnachmittag mit dem Kerweumzug ? Straußbuben und Musikanten marschierten durchs Dorf, dabei wurde der Strauß aufrecht getragen. Zuerst wurde ein Strauß an "Alde" ("Zum Potzberg") aufgesteckt und eine Kerwerede von der Leiter aus vorgetragen. Dann marschierten die Straußbuben von "Häßlersch" ("Erdfeder") weiter zu ihrer Gastwirtschaft ins Unterdorf, um ihren Strauß aufzustecken und ihre Kerwerede vorzulesen, Es gab also damals in der Regel mindestens zwei Kerwesträuße und Straußreden. Im Unterdorf fabrizierten in einigen Jahren auch noch die Schulkinder eine Straußrede und einen Strauß, den sie an Häßlersch Stall hängten. Natürlich konkurrierten dabei die Straußjugend und Gastwirte des Ober? und Unterdorfes immer etwas. Schließlich wollte ja jeder den schöneren Strauß und mehr Gäste haben.

Am 31. Juli 1949 führt der Kerweumzug durch die 'Hohl'
Am 31. Juli 1949 führt der Kerweumzug durch die 'Hohl'
Die Höfe waren immer von unzähligen Menschen gefüllt und die Kerwestände standen von Heenze Hof' im Oberdorf bis zu "Häßlersch" im Unterdorf. Seit den 5oer Jahren kam immer die Familie Krebs aus Schwedelbach mit ihrer Reitschule und Schiffschaukel nach Neunkirchen. Die Straußbuben tanzten nach dem Vortragen der Straußrede die "Drei Ersten" mit einem ausgewählten Mädchen. Seit Ende des Krieges spielten regelmäßig die Kapelle des Jung August oder die Raab?Kapelle in "Alde" und die "Blauen Sechs" und die Latterner?Kapelle in "Häßlersch". In den Sälen wurde nur Wein und Wasser ausgeschenkt und zu essen gab es Kotelett, Bratenfleisch oder Bratwürste mit Brot. Der Eintritt kostete in den 5oer Jahren eine Mark.

Am Montagnachmittag nach dem Frühschoppen wurde immer die "Brezel ausgetanzt". Wann dieser Brauch eingeführt wurde, ist nicht bekannt. Man ging von den Gastwirtschaften aus gemeinsam mit Musikanten zum "Spritzeheisje" oder "Uff die Schineck" (Straße nach Fockenberg). Mit nahm man drei Heugabeln, an denen jeweils eine unterschiedlich große Brezel oder Kranzkuchen aufgesteckt war (in späteren Jahren auch Weinflaschen). Die Musik spielte, es wurde getanzt und die Tanzenden mussten ein Sträußchen weiterreichen. Als die Musik stoppte, musste derjenige, der gerade das Sträußchen hatte, versuchen, einen Läufer mit der Brezel zu fangen. Das Ganze wurde dreimal gemacht. Nachdem man die Läufer mit den Gabeln gefangen hatte, bekam man die Brezel und musste Bier für den Kerwedienstag stiften. Natürlich war am Anfang im Geheimen ausgemacht worden, wer das Sträußchen beim Stoppen der Musik haben sollte.

Am Kerwedienstag gab es noch Musik in einer Gastwirtschaft und die Kerwe wurde mit Freibier und Tanzen beendet. Oft wurde auch gemeinsam zur "Wolfskaut" (an der Straße nach Föckelberg) marschiert und die Kerwe mit einer Zeremonie begraben ? vor dem Zweiten Weltkrieg vergrub man zum Beispiel eine Flasche Wein. In späteren Jahren wurde dies in vielfältiger Weise zelebriert. Sehr oft kam dienstags auch die "Mickey Maus" aus Reichenbach, um mit seiner Gitarre und dem Fuchsschwanz (Säge) in den Gastwirtschaften mit seinen Auftritten zu begeistern. Viele Ältere erinnern sich noch sehr gern an den Kerwedienstag 1954, als Horst Eckel als Fußballweltmeister in "Alde" zu Gast war.

Streit beendet die Kerwe

Die Landfrauen halten 1990 die Straußrede im Zelt.
Die Landfrauen halten 1990 die Straußrede im Zelt.
1977 wurde in der Gastwirtschaft "Zum Potzberg" die letzte Kerwe mit Musik gefeiert und drei Jahre später zum letzten Mal in "Glassersch" ("Erdfeder"), nachdem es zu einem Streit zwischen den Wirtsleuten und der Straußjugend gekommen war und die Kerwe am Kerwesonntag um halb zehn ihr Ende fand. Seit 1981 wird die Neunkircher Jakobskerwe in einem Festzelt auf der Wiese am Feuerwehrgerätehaus gefeiert und von der Feuerwehr, dem Sportverein und Gesangverein (ab 1982) getragen. Besonders oft spielten die Hofwaldmusikanten, das Harmonic-Sextett und die San Bernardinos. Das "Brezelaustanzen" wurde Anfang der 8oer zum letzten Mal praktiziert und der Kerwedienstag musste aufgrund fehlender Helfer Anfang der 90er abgeschafft werden. Seit 1982 gibt es auch den Kerwefreitag, an dem zunächst immer der Reichenbacher Musikverein spielte. Seit einigen Jahren werden nun schon am Kerwefreitag und -montag Rockgruppen engagiert, um jüngeres Publikum anzulocken. Besonders die Kerwen der Landfrauen in den Jahren 1985, 1989 und 1990 sind heute noch vielen in guter Erinnerung. Neunkirchens Kerwe zählt immer noch zu den "besten" im Landkreis Kusel, auch wenn der Glanz alter Tage längst vergangen ist.

Quelle: Die Rheinpfalz, vom 28.Juli 2001